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Wörthersee off the beaten track

Das Wörthersee Hinterland: Wo das touristische Wimmelbild ausfranst, fängt eine abwechslungsreiche Landpartie an. Von steinzeitlichen Stätten über Wanderungen durch tiefe Wälder und originellen Einkehren bis zu kulturellen Wonnen.  

erschienen im Alpe-Adria-Magazin, Mai 2018

Hinterland“ ist eines jener deutschen Wörter, die auch in anderen Sprachkreisen Karriere gemacht haben. In den USA zum Beispiel versteht das jeder. Sogar die Italiener nennen die äußeren Ausläufer größerer Städte „Hinterland“. Dort gibt’s deutlich weniger Leute, reduzierte Infrastruktur, viel Gegend halt. Nicht weit weg, aber trotzdem Welten entfernt.

Auch der Wörthersee, im Sommer bekanntermaßen ein touristisches Wimmelbild, hat so ein Hinterland. Es sind die sanften Hügelketten, die den See im Norden, Westen und Süden umfangen, und die kleinen Ortschaften hinter diesen Hügeln. Die lässt man nur allzu gern links oder rechts liegen. Eh nix los dort, so das Vorurteil. Langweilergegend.

Der Schoß Kärntens

Allerdings ist das zu kurz gedacht. Es kann sich lohnen, rund um den Wörthersee mal neben der Spur zu fahren; die In-Bars, Gourmettempel und Menschenlawinen hinter sich zu lassen und in die zweite, dritte Reihe abzudriften. Dort erkennt man verlässlich: Schön hier! Ruhiger, naturnäher, langsamer. Ein Landstrich voller Grandezza, nicht nur seiner anmutigen Geographie wegen. Sondern auch aufgrund seiner Geschichte, denn die historische Spurensuche rund um den See ist in der Tat mehr als ergiebig. Es ist ein altes Land. Fast möchte man sagen: Der Schoß Kärntens.

Vor rund 6.000 Jahren hinterließen unsere Vorfahren erste Spuren im Wörthersee Hinterland. Genauer: Im Keutschacher See, oberhalb von Reifnitz. Dort finden sich heute noch die Pfähle von Häusern, die vor mehreren tausend Jahren gebaut wurden. Sie sind das einzige materielle Unesco-Welterbe in Kärnten. Und bald sollen endlich auch Touristen diese steinzeitliche Ur-Story Kärntens erleben können. „In Flechtwerk-Hütten am Strand werden Fundstücke ausgestellt, ein begehbarer Holzsteg soll die Pfahl-Reste im Wasser einfassen und im Cafe Alt-Wien, dessen Areal nun der Gemeinde gehört, soll Steinzeitkulinarik sowie Schiffstouren zum Welterbe angeboten werden“, erklärt Tourismusleiter Stefan Meisterle das Projekt, das er als Pendant zum zweiten nahen Mega-Ausflugsziel, dem Pyramidenkogel, sieht. Die Realisierung ist für 2019 angepeilt.

Zeitsprung: Rund 3000 Jahre nach den Pfahl-Häuslbauern haben 20 Kilometer weiter westlich die Kärntner der Hallstattzeit ganze Arbeit geleistet. Bestattungsarbeiten, um genau zu sein. 600 Hügelgräber haben die keltischen Ahnen im Gebiet von Rosegg hinterlassen – nur ein kleiner, aber sehenswerter Bruchteil davon ist in der „Keltenwelt Frög“ begehbar. Das Freilichtmuseum zeigt außerdem in Nachbauten keltischer Hütten die gefundenen Grabbeigaben und gibt Laien einen plastischen Eindruck vom Leben und Vergehen der keltischen Kultur in Kärnten. Grabungsworkshops und niederschwellige Führungen machen das Museum auch für Kinder zu einem spannenden Ort.

Die Touren am Rundwanderweg sind immer sanft genug, dass es für die ganze Familie passt.

Und ziemlich genau auf halber Wegstrecke zwischen Pfahlbauten und Hügelgräbern erhebt sich der Kathreinkogel gleich hinterm Sattnitzzug, der den Wörthersee nach Süden hin begrenzt. Ein markanter Gupf, der wohl spannende Geschichten auf Lager hätte, wenn er selbst erzählen könnte. Hier fanden Archäologen Überreste aus der Bronzezeit (Teile eines Webstuhls), über 3000 Jahre alte Scherben von Vorratsgefäßen, ein spätantikes Gräberfeld sowie – auf seiner Spitze – gut erhaltene Mauern und Zisternen aus römischer Besiedlung. Die bewegte Geschichte des Kathreinkogels lässt sich binnen einer halben Stunde bergauf durch die Waldidylle erwandern, der Weg ist gesäumt von erklärenden Infotafeln. Oben kann  man rasten beim Kirchlein St. Katharina. Oder man wagt einen Schritt ins „Haus der Archäologie“, das noch tiefere historische Einblicke gewährt. Wer hinter die Kirche spaziert, hat von einem Plateau aus einen herrlichen Blick auf den Wörthersee – und lässt sich von Klappern der kleinen Holzschildchen am „Wunschbaum“ eventuell verleiten, selbst einen Wunsch zu notieren und draufzuhängen.

Derlei überschaubare, aber lohnende Wanderungen – Stichwort: Leichtwanderungen – sind ein Markenzeichen des Wörthersee Hinterlandes. „Man ist von jedem Punkt aus schnell mitten in der Natur auf einem ruhigen Waldweg und in Windeseile weg vom Trubel am See. Und es ist immer sanft genug, dass es für die ganze Familie passt“, sagt Fremden- und Wanderführerin Astrid Legner, die fast ganzjährig im Wörtherseegebiet auf den Beinen ist. Das ist einerseits dem 55 Kilometer langen Wörthersee-Rundwanderweg geschuldet, der durchwegs durch leicht hügeliges, bewaldetes Gebiet führt. Besonders am Nordufer gibt der Weg immer wieder atemberaubende Aussichten auf die Bergketten im Süden frei, oft gekennzeichnet mit dem Begriff „Karawankenblick“. Außerdem: „Man kann ihn in kleinen Etappen erwandern und ganz praktisch mit dem Schiff zurück zum Auto kommen. Und es gibt auch ausgewiesene Streckenabschnitte für Läufer oder Mountainbiker“, so Legner. Zum anderen findet man auf Wanderungen in den Randgemeinden eine Beschaulichkeit vor, die am See selbst passe ist. Ortskerne mit Kirche und Lebensmittelladen, urige Jausenstationen, Frühstückspensionen, wo Erfrischungen serviert werden. Legner: „Diese kamote, familiäre Atmosphäre schätzen viele Urlauber sehr.“

Essen und Trinken mit Aussicht

Und dann gibt es auch gastroseitig ein paar ausdrückliche Empfehlungen im Hinterland. Vorrangig Ausflugsgasthäuser mit schönem Rundumblick in verträumter Umgebung und einer tadellosen, meist bodenständigen Küche. Das Gasthaus Plöschenberg zum Beispiel mit seiner großen Panorama-Sonnenterrasse und freier Sicht auf die schroffen Karawankengipfel. Der Gasthof Feidig am paradiesisch ruhigen Saissersee. Oder, schon auf der Autobahn Richtung Wörthersee von Villach kommend, schwer zu übersehen: Sternberg mit seinem auffallenden Kirchlein und der entdeckenswerten „Messnerei“ daneben. Das junge Wirtepaar Stefan und Dani Sternad versucht hier, der malerischen Lage ihres Lokals mit passenden Ideen gerecht zu werden. Etabliert haben sich schon die „Kochen ohne Strom“-Abende mit namhaften Gastköchen, die mehrmals im Jahr stattfinden. Erst im April geigte zum Beispiel Sarah Wiener am Sternberg auf. Stefan Sternad: „Bis auf Kühlung und Kassa verzichten wir dabei ganz auf Elektrizität. Gegart wird auf offenem Feuer, beleuchtet mit Kerzen, und den ganzen Abend herrscht Handyverbot für alle.“

Es gehe nicht nur um das kulinarische Erlebnis, „sondern um Entschleunigung. Die Leute kommen unweigerlich miteinander ins Gespräch.“ Außergewöhnlich ist auch das Weinangebot der Messnerei: Gereicht werden nämlich Bio-Tropfen, deren Trauben ein paar hundert Meter weiter unterhalb gewachsen sind. Der „Sternberg Wein“ von Winzer Alexander Egger hat sich in wenigen Jahren einen guten Namen gemacht und wurde gerade erst in der jüngsten Fallstaff-Bewertung hochgelobt.

Weinliebhaber werden sich übrigens auch in der hauseigenen Vinothek des Fischerhauses Moosburg fündig, die eine Auslese edelster Tropfen beherbergt. Die sind dann die perfekte Begleitung zur servierten Haubenkulinarik mit stark mediterranem Einschlag. An lauen Sommerabenden ist der Gastgarten mit Blick auf Heuwiesen und Golfplatz kaum zu toppen. Ähnlich wie beim Höhenwirt auf halbem Weg zum Pyramidenkogelturm, wo ebenfalls gehobene Küche in feiner Aussichtslage geboten wird. Der Wirt Andreas Miklautz ist außerdem ein Kenner und Könner in der ausgezeichneten Zubereitung von Wörthersee-Fischen.

Wer solchermaßen also vom Wandern körperlich ausgeblichen und vom guten Essen satt ist, dem fehlt eigentlich nur noch ein wenig Hirnfutter, sprich: Kunst und Kultur. Und selbstverfreilich wird man auch da im Hinterland fündig, mit zwei echten Hochkarätern. Zum einen das Schloss Damtschach, das Besitzer und Künstler Markus Orsini-Rosenberg jeden Sommer mit einem bunten (Kultur)-Programm bespielt. Frühlingsmarkt, Picknick-Konzerte, ein Bio-Weinfest runden heuer die Sommerausstellung „Das Muschelhaus“ des Architektenehepaars Plank-Poschauko ab. Sich Zeit nehmen lohnt sich, etwa für einen Spaziergang durch den historischen Landschaftsgarten oder für Kaffee und Kuchen im entzückenden Schlosshof-Cafe, das für sich genommen ein Geheimtipp ist.

Kunstsinnige Menschen kommen auch in der Galerie Šikoronja in Rosegg voll auf ihre Kosten. Galeristin Marija Šikoronja fokussierte von Beginn an auf Künstler aus dem Alpe-Adria-Raum – und hat neben klingenden Namen auch immer spannende Newcomer im Programm, wie heuer bei der Gemeinschaftsausstellung von fünf jungen Künstlern, die im August zu sehen ist. Mitte des Monats (genaues Datum wird erst fixiert) wird Bachmannpreisträgerin Maja Haderlap bei Šikoronja lesen, begleitet von einer Haderlap-in-Eisenkappel-Fotoausstellung im Galeriegarten. Über ihre Lage ein wenig vom Schuss sagt die Galeristin: „Mir ist das von jeher sehr recht so. Es kommen immer viele Gäste, aber eben nur die, die sich mit der präsentierten Kunst auch wirklich auseinandersetzen wollen.“

Diesen Satz könnte man – mit Ausnahme auf den Kunst-Verweis – eigentlich fürs gesamte Wörthersee Hinterland so stehen lassen. Die Abseitslage ist ein Privileg. Denn man muss es suchen. Man muss es wollen. Aber wenn man es erst entdeckt, eröffnen sich neue Welten. Und die sind immer nur ein paar Geh- oder Autominuten entfernt.

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