Written by 10:44 Allgemein, Carinthia, Kärnten, Kunstgenuss, Stadtporträt

Kleine Stadt für große Kunst

Das mittelalterliche Gmünd ist Kärntens „Künstlerstadt“, es hat sich kreativen Freigeistern geöffnet und mit munteren Kontrastprogrammen quasi selbst wiederbelebt. Auch touristisch.

erschienen im Alpe Adria Magazin, 2014

2.600 Einwohner zählt Gmünd. Am schmucken Hauptplatz, den man in drei Minuten locker abläuft, leben angeblich noch 27 davon. Es gibt eine Kirche, ein neues Altenheim, zwei Tankstellen, immerhin. Die meisten Gmündner pendeln zur Arbeit aus. Kurz gefasst: Typische Strukturen eines Dorfes im ländlichen Abwanderungsgebiet. Normalerweise gilt da: Wer bleibt, erstarrt. Aber nicht in Gmünd!

Hier spielt nämlich das muntere Kontrastprogramm zur dörflichen Tristesse. An jeder zweiten Ecke stolpert man über Galerien, Künstlerateliers, Museen, Ausstellungsräume, Kreativwerkstätten. 15 Häuser werden mit unterschiedlichsten künstlerischen Programmen aus der Bildenden Kunst bespielt, von klassisch bis zeitgenössisch, von Bildhauerei bis Fotografie. Das so kleinräumige Städtchen im baulichen Mittelalter-Korsett mit Stadtmauer und Gässchen-Labyrinth schafft es tatsächlich, kosmopolitischen Esprit zu versprühen.

Am Anfang gab’s wenig Akzeptanz. In ökonomisch ärmeren Regionen wird zuerst immer gefragt: Was soll uns Kultur denn bringen?“

„Wundersam“ ist das Wort, das etwa der Dumont-Reiseführer für die Kunst-Kultur-Dichte in Gmünd fand. Die treibenden Kräfte dahinter wissen es besser – Wunder sind harte Arbeit. 1990, also vor 23 Jahren, fand sich eine Handvoll kulturell und künstlerisch gebildeter Leute zur „Kulturinitiative Gmünd“ zusammen. Was anderswo vielleicht in Laienspieltheater mündet, war in dem Fall die Grundsteinlegung für ein Stadtentwicklungskonzept, das den Ort an der Kerbe zwischen Hohen Tauern und Nockbergen nachhaltig stärken sollte: Die „Künstlerstadt Gmünd“ wurde gegründet. Von Beginn an mit dabei war Erika Schuster, Geschäftsführerin der Kulturinitiative. Sie erinnert sich: „Am Anfang war die Akzeptanz weder in der Bevölkerung, noch in der Politik gegeben. In ökonomisch ärmeren Regionen wird immer zuerst gefragt: Was soll uns Kultur denn bringen?“ Lange hat sich Schuster diese Frage gefallen lassen müssen, durchhalten hieß die Devise. Bis vor etwa zwei Jahren. „Seit 2011 geht das Konzept spürbar auf. Die Stadt ist auch an heißesten Sommertagen belebt.“ Die Zahlen bestätigen den Eindruck: 125.000 Besucher – vorwiegend Tagestouristen – hatte die Kleinststadt in 2011. Ergibt rund 3,5 Millionen Euro Wertschöpfung. Mittlerweile ist Gmünd umfassendster Kulturveranstalter in der westlichen Hälfte Kärntens und Träger des Eden-Awards, einer österreichweiten Auszeichnung für professionelle Kulturarbeit.

Lange Zeit war Gmünd touristisch ein blinder Fleck auf der Landkarte. Zwar liegt es mitten im „Familiental“, so der Marketing-Beiname des Liesertals. Rund um den Nachbarort Trebesing, wo das Stammhaus der „Kinderhotels“ steht, funktioniert diese Etikettierung auch. Das „1. Baby- und Kinderhotel“ ist seit über 25 Jahren eine Erfolgsgeschichte. Doch in Gmünd gab’s vor der Kulturinitiative für Kinder höchstens den Bananensplit im Cafe-Gastgarten. Und auch den Ausflüglern – im Sommer vom Millstätter See kommend, im Winter vom Katschberg – konnte man wenig bieten außer dem mittelalterlichen Aussehen. Zu wenig, um für Touristen attraktiv zu sein.

Ich mache schon seit 25 Jahren Schrott!

Die Kulturinitiative sollte das ändern. Und zu ihren Geburtshelfern gehören freilich auch Kunstschaffende. Einer ist Fritz Russ. Die rostigen, wuchtigen Skultpuren des Metallbildhauers prägen das Ortsbild Gmünds und begrüßen die Besucher schon an der Tauernautobahn auf Höhe Millstätter See. Russ, der aus Niederösterreich zugewanderte Vorzeigekünstler Gmünds, sagt: „Ich mache schon seit 25 Jahren Schrott.“ Die Vielfalt seines Werkes ist im Skulpturengarten nahe des Porsche-Museums zu sehen. Stiere, Schilfgras und Fauteuils, alles aus Metallmüll, Gebilde aus alten Hufen oder Fleischwölfen – man ahnt, dass Russ neben dem Arbeiten in seiner Werkstatt auch viel Zeit im Altstoffsammelzentrum verbringt. Der lange Atem, den die Kulturinitiative gebraucht hat, ist auch ihm zu Eigen. „Wenn man etwa 1.000 alte Schlösser braucht, sammelt man eben viele Jahre lang. In meinem Fall sieben“. Geworden ist daraus ein rostiger Riesen-Käfig, der ebenfalls im Skulpturengarten steht. Russ liebt Rost. Für ihn ist er Farbigkeit und Zeichen von Vergänglichkeit zugleich.

Das Areal ist frei begehbar, im Idealfall ist Russ vor Ort in seiner Werkstatt. Ob er neugierige Besucher schätzt? „Ja. Ich freue mich über gute Gespräche mit Querdenkern.“ Etwas Kritik klingt aber durch: „Wenn man in Gmünd Künstler ist, hat man Riesenstress. Es gibt nämlich nicht so viele. Künstlerstadt ist ein großer Begriff, der derzeit leider nur im Sommer funktioniert.“

Gesellschaftskritik und Kuhporträts

Wer Künstlerseelen treffen will, wird dennoch fündig. Auch Russ’ Partnerin, Birgit Bachmann, kann man in ihrer Hausgalerie beim Arbeiten über die Schulter schauen. Weiters hat das Künstlerpaar Larissa Tomasetti und Frank Kropiunik die leer stehenden Räume am Stadtturm als Atelier wiederbelebt. Interessierte sind willkommen. Ein offenes Haus ist auch das Gastatelier im Maltator. Die verwinkelten Räume wechseln im Sommerhalbjahr alle zwei Monate ihre Bewohner. Die bringen internationales Flair nach Gmünd, „das tut vor allem der örtlichen Bevölkerung gut“, sagt Schuster.

 
Im Vorjahr werkte hier die Deutsche Theresa Beitl. Trotz Berliner Herkunft hat sie sich ganz einem Alpenvieh verschrieben: Der Kuh. „Ich möchte mit meinen Kuhporträts auch den gesellschaftspolitischen Hintergrund mitschwingen lassen – das sterbende Kleinbauerntum, die nötigen Subventionen, den lächerlichen Milchpreis“. Ihre in Gmünd entstandenen Bilder werden heuer, gemeinsam mit Werken anderer Künstler,  in einer großen Themenausstellung mit dem Titel: „Auf die Kuh gekommen“ in der Galerie Miklautz gezeigt.

Eine der Galerien, die erst seit kurzem Gmünds Galeriensammlung ergänzt: Die Galerie August in der Villa Jury

Die Galeristen Grete und Heinz Miklautz waren ebenfalls „Kulturinitiativler“ der ersten Stunde. Die Entwicklung der Künstlerstadt war langwierig, aber beständig, findet Grete Miklautz: „Auch in harten Zeiten durchzuhalten, hat sich ausgezahlt. Heute sind das Umfeld und die Sensibilität für Freigeister da. Und die Besucher kehren immer wieder zurück, weil die Ausstellungen wechseln.“ Um den Klapptisch vor der Galerie in der Hinteren Gasse versammeln sich die Kreativen abends gern auf ein Glas Wein. „Ich bin die Ausweintante, so etwas wie die Künstlermutter “, lächelt Grete Miklautz. Ein weiterer Sammelpunkt der Kreativen ist die Alte Burg, eigentlich das Wahrzeichen der Stadt. Wirt Luk Strasser hauchte dem 800 Jahre alten Gemäuer wieder Leben ein. Nicht nur kulinarisch ist die Burg heute eine Adresse für besondere Anlässe, sondern auch als Ort, an dem Kultur gelebt wird. Das Programm 2013 steht, ein Schwerpunkt werden wieder Burgkabarett-Abende sein, daneben gibt’s Konzerte, DJ-Sessions, Lesungen.

Von diesem Künstlertreff ist es nur einmal quer über den Hauptplatz zu einem weiteren  Publikumsmagneten: dem „Pankratium“. 25.000 Besucher aller Altersgruppen besuchen pro Jahr die 1.000 Jahre alten Gemäuer. Bis vor seiner Revitalisierung 2008 diente das teils gotische Haus lange als Spital und Geburtenstation. Der Beiname der Attraktion ist „Haus des Staunens“. Und so abstrakt der auch klingen mag, so sehr bestätigt er sich im Inneren. Im Prinzip ist das Pankratium ein Hands-on-Museum. Sämtliche Stationen widmen sich entweder dem Wasser oder dem Klang – oder einer Kombination daraus. So lauscht man dann dem mystischen Klingeln des „Hundertglas“ oder den meditativen Lauten der Wehmutswalze, den Tönen der Wassertrompete oder der größten Geige der Welt. Man darf auch selbst Hand anlegen, am Klangfahrrad, in der Klangkapelle oder im Klanggarten gleich unterhalb des Gebäudes. Dass Besucher vorwiegend abends durchstreifen, stört die Anrainer nicht: „Im Gegenteil. Die Nachbarn beschweren sich sogar, wenn eine Klangstation wegkommt oder ausgetauscht wird“, erzählt Manfred Tischitz, künstlerischer Leiter des Pankratiums. Sein Lieblingswort ist „Oberton“ und sein Bestreben ist es im weitesten Sinne, die Besucher zu erden. „Hier dürfen auch Erwachsene ins Staunen kommen. Und auf Phänomene, die in der Natur erfahrbar sind, aufmerksam werden.“

Mit Natur wird auch im Kunsthandwerkshaus experimentiert, denn im Konzept der Künstlerstadt hat auch Kunsthandwerk seinen festen Platz, solange es auf professionellem Fundament steht. Im offenen Atelier des Hauses arbeiten wechselnde Gast-Kunsthandwerker. Zum Beispiel Ruth Rindlisbacher, die ihre Kreativität den Jahreszeiten anpasst. Im Sommer fertigt sie figurale Kunst aus Treibholz, das an den Flüssen Malta und Lieser angeschwemmt wird. Im Winter sind es Wolle, alte Garne und Altkleider, die sie zu neuen, spannenden Kreationen zusammenfügt. Dieses Upcycling-Projekt firmiert unter dem Label „Ruthkunst“ und ist ab Sommer auch mit einem eigenen Shop am Maltator vertreten. Rindlisbachers Intention: „Aus scheinbar Wertlosem Wertvolles zu machen“.

Die Hülle war schön. Aber im Koma.

Zu Ende gedacht ist dieses Bonmot ein Leitmotiv für die Künstlerstadt. Denn der alte, revitalisierte Baubestand, von dem sie heute so sehr profitiert, hat seine Wurzeln in der Armut der Region. Für typische Bausünden war in den 70ern kein Geld da, so blieb auch das mittelalterliche Stadtbild erhalten. Die Hülle war schön. Aber im Koma.

Die Kulturinitiative öffnete viele Häuser für die Kunst und rettete sie so vorm Verfall. „Mit Engagement und Minimalbudget. Heuer sind’s zum Beispiel 230.000 Euro für alles – Ausstellungen, Veranstaltungen, Personal, Marketingmaßnahmen“, erzählt Schuster und fügt hinzu: „Ich kämpfe um jeden Euro!“. Doch die Mühe lohnt sich. „Die Stadt hat intakte Strukturen, dazu haben wir sicher beigetragen. Zwei Bäckereien, eine Buchhandlung, Cafes und Gasthäuser. Neuerdings gibt es auch einen Bioladen. Den betreibt eine Ungarin, die sich mit ihrem holländischen Mann und den Kindern hier niederlassen wollte. Das wäre wohl ohne Künstlerstadt nicht passiert.“

Vernissage mit Jagdhornbläsern

Das Konzept erreicht nicht nur kulturinteressierte Touristen, sondern ist auch bei den Einheimischen angekommen. Man bringt sich ein, auch wenn noch nicht jeder auf Linie ist. Bei der Eröffnung der Valie-Export-Ausstellung spielten die Jagdhornbläser aus Malta. Früher undenkbar. Immer öfter sind die Kulturführungen durch die Stadt ein Sonntagnachmittagsprogramm für Einheimische, die Freunden „ihre“ Stadt zeigen wollen. Schuster: „Die Gmündner erkennen, dass die Künstlerstadt einen Mehrwert hat. Die Ressentiments sind erheblich geringer geworden.“ Einen guten Teil ihrer 2.600 Mitbürger konnte sie also schon für die Künstlerstadt gewinnen. Den großen Rest außerhalb des Städtchens sowieso.

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