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Unbedingt nach Udine!

Shoppen, Essen und wieder retour? Bitte nicht! Udine ist eine intensivere Erkundung wert. Wer ohne Hast, dafür mit Neugier durch die Stadt flaniert, entdeckt viel mehr Italien als erwartet.

erschienen im Alpe Adria Magazin, November 2019

Und plötzlich: Weite! Der Moment, wenn man von Österreich kommend aus dem letzten der 17 Autobahntunnels herausfährt, kommt jedes Mal einer Befreiung gleich. Keine finstren Bergschluchten mehr, keine öden Dörfer, sondern Weitblick, sanftes Land und mildes Licht. Gefühlt fängt Italien hier erst an – und Udine, Friauls urbanes Zentrum, ist nur mehr wenige Minuten Fahrt entfernt. Den markanten Bergspalt, der die motorisierten Ausflügler hier in die unverhofft liebliche Landschaft spuckt, werden wir später vom Udineser Schlosshügel aus nachdenklich betrachten. Irgendwann müssen wir da wieder durch, zurück in die Berge. Aber jetzt noch nicht.

Es mag wenig romantisch klingen, aber die Liebe der Österreicher zu Udine fußt auf zwei Säulen: Shoppen und Essen. Der perfekte Tagesauflug zum Abschluss einer Arbeitswoche, ein wenig italienische Luft schnuppern, gute Pasta essen, Schuhe, Mode, Möbel einkaufen, schlicht: eine Kurzzeitflucht in den nahen Süden. „Die Innenstadt profitiert von den vielen österreichischen Gästen“, meint unsere Stadtführerin Alessandra Lodi. Dass Udine damit schmerzlich unter seinem Wert geschlagen wird, ist ein Motiv für diesen Text. Dass die Stadt allerdings schon seit Jahrhunderten gut damit lebt, ein wichtiger Handelsplatz zwischen Bergen und Meer zu sein, ist die andere Seite der Medaille. Dank seiner Lage wurde Udine zu dem, was es ist: Die vielzitierte Perle des Friaul. Höchste Zeit, mal näher hinzusehen.

Italienische Bilderwelten

Wo Handel ist, ist Geld. Und wo Geld ist, bekommt auch Kunst ihren Platz. Giovanni Battista Tiepolo, das altgediente Posterchild unter Udines Künstlern, werden wir später noch streifen. Jetzt ist erst mal die Moderne dran. Die Adresse dafür ist die Casa Cavazzini: Das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, das praktischerweise mitten am Ausflügler-Trampelpfad, an der Via Cavour zwischen Piazza Libertà und den Zentrumsarkaden, angesiedelt ist. Allein architektonisch ist der neu adaptierte Palazzo aus dem 16. Jahrhundert ein Gustostück. Geplant hat ihn die italienische Stararchitektin Gae Aulenti, die auch dem Palazzo Grassi in Venedig oder dem Pariser Musée d’Orsay ein neues Gesicht verlieh. Die Ausstellungsräume auf drei Etagen spannen einen bilderreichen Bogen der italienischen bildenden Kunst vom 19. Jahrhundert bis heute. Für überschaubare fünf Euro Eintritt. Ein lohnender Start in einen Udinetag. Die Boutiquen, Osterien und Cafes laufen ja nicht davon.

Doch die Kunst muss sacken. Zum Beispiel bei einem Cappuccino im Wohnzimmer der Stadt, auf der Piazza Matteotti. Hier ist gut rasten, während man spielende Kinder, entspannte Flaneure und die stets wie aus dem Ei gepellten Udineser Damen beobachten kann. Wobei: Die locals nennen den Platz Piazza Giacomo, aufgrund der Kirche an der Frontseite. Oder auch Piazza dell’Erbe, wegen dem Grünmarkt, der hier abgehalten wird. Und selbige locals trinken auch keinen Cappuccino am späten Vormittag. Sie nehmen einen Tajut oder Taj: Ein schnelles, unkompliziertes Gläschen, bei uns würde man „Stehachterl“ sagen, nur dass man dabei gewöhnlich sitzt. Woher der Name kommt, weiß keiner so genau. Evelyn Rupperti, Autorin des Udine-Reisebuchs „Trend, Tajut und Tiepolo“, erläutert: „Die einen meinen, es komme von taj – Schnitt. Andere vertreten die These, es käme von einem Maß für Deziliter. Und damit ist man einem Weinglas schon ziemlich nahe.“ Jedenfalls soll es vormittags ein Weißer, nachmittags ein Roter sein. Eine Tradition, der man auch als Tagesgast gerne Folge leistet.

Als nächstes darf endlich geshoppt werden. Zwischen Piazza Matteotti und Via Merchatovecchio reiht sich eine lässige Adresse an die andere. Teils sind’s die großen Designermarken wie Cumini oder Bugatti, die hier ihre Flächen haben. Teils kleine, besitzergeführte Boutiquen, die ihr handverlesenes Sortiment präsentieren (ein paar ausdrückliche Empfehlungen haben wir im Infoteil verpackt). Freilich: Günstiger wird man draußen vor der Stadt, in Shopping-Tempeln wie der Città Fiera oder dem Terminal Nord, wegkommen. Aber die meisten fahren ja doch wegen Hinguckern italienischen Stils nach Udine, nicht wegen der austauschbaren Modekettenoptik. Ob die stressfreien Schaufenstertouren entlang der Via Merchatovecchio allerdings noch lange möglich sein werden, ist fraglich. „Bürgermeister Pietro Fontanini will die Straße wieder für den Durchzugsverkehr öffnen“, erzählt Alessandra. Heftige Proteste waren die Folge. Denn dann wär’s wohl auch mit der seligen Ruh auf der Piazza della Libertà mit ihren beiden herrlichen venezianischen Loggien vorbei.

Eine verlässliche Zuflucht bieten die vielen guten Osterien der Stadt. Man findet sie im und rund ums Zentrum eigentlich auf Schritt und Tritt. Im Gegensatz zu südlicheren italienischen Gefilden kommen auch friulanische Speisen auf den Tisch, die – beeinflusst von der karnischen Innergebirgs-Küche – meist etwas deftiger ausfallen. Typisch sind etwa  Cjalsòns (gefüllte Teigtaschen, süß oder pikant), eine Minestra orzo e fagioli (Rollgerstensuppe mit Bohnen) oder ein Frico con polenta (gebratener Käse mit Polenta). Das sorgt mitunter für eine spannende Ambivalenz, zum Beispiel wenn man in der Osteria alla Ghiacciaia im von Grün überwucherten Gastgarten direkt am Kanal sitzt, den Geschmack der rauhen Bergwelt am Gaumen, venezianisch anmutende Leichtigkeit rundum.

Wo Tiepolo seinen Stil fand

Der kurze Verdauungsspaziergang zum Palazzo Patriarcale, dem alten Bischofssitz vom Parkplatz Piazza Primo Maggio einmal um die Ecke, tut gut. Hier musste der damals noch gar nicht so große Tiepolo aus der Not eine Tugend machen – und entwickelte damit jenen Stil, der ihn schließlich berühmt machte: Der Patriarch beauftragte den Künstler mit der Gestaltung eines schmalen Raumes entlang einer Fensterfront, der „Galleria degli Ospiti“. Alttestamtentarische Geschichten sollten es sein. „Tiepolo, bis dahin eher den dunklen Farben verfallen, musste notgedrungen zu mehr Farbe und anderem Bildaufbau greifen, um die Wandmalereien dem Raum entsprechend zur Geltung zu bringen“, erzählt die Stadtführerin. Das imposante Resultat fesselt den betrachtenden Besucher des nunmehrigen „Museo Diocesano“ bis heute. Auch ohne Studium der Kunstgeschichte. 

Für einen würdigen Abschluss dieses Udinetages haben wir uns noch den 156 Meter hohen Schlosshügel aufgehoben. Der Aufstieg ist von mehreren Seiten möglich, keine davon ist frei von Anstrengung, aber am schönsten ist wohl jener von der Piazza Libertà durch den Laubengang, den auch junge Liebespärchen und Schulschwänzer als Hideaway schätzen. Oben am grünen Plateau einmal tief durchschnaufen, um auch noch die feudale Außentreppe am Castello zu erklimmen. Von hier liegt einem Udine zu Füßen, vom Norden her beschützt von den schroffen Gipfeln der Karnischen und Julischen Alpen. Eine an der Brüstung angebrachte Metalltafel, die das Bergpanorama detailliert beschreibt, hilft bei der Orientierung. Ja, hier sieht man sie gut, die Bergkluft, die den Weg nach Hause weist. Da müssen wir wieder dann durch, zurück in die Berge. Später. Jetzt noch nicht.

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